Psychotherapeutische Methoden im Coaching – Teil 1: Gestalttherapie

Coaching ist nicht das gleiche wie Psychotherapie. Aber auch im Coaching-Prozess geht es darum, sich selbst besser kennenzulernen und Probleme zu lösen, die aus der “Kollision” des Ich mit der (in diesem Fall Arbeits-)Welt resultieren. Dafür hat die lösungsorientierte Psychotherapie im Laufe der Jahrzehnte viele exzellente Konzepte und Methoden entwickelt. Und so muss ihre vergleichsweise junge Schwesterdisziplin nicht in jedem Fall das Rad neu erfinden, wenn sie sich an die Arbeit mit den Klienten macht. Eine Reihe dieser psychotherapeutischen Verfahren möchte ich Ihnen in meiner neuen Blog-Serie vorstellen.

Was ist denn bitte eine Gestalt?

Gestalttherapie basiert auf dem Konzept der Gestalt. Gestalt – das ist das Ganze, das wir durch einen aktiven Prozess der Interpretation aus den sich uns präsentierenden Teilwahrnehmungen machen. Unser Gehirn ist eine große “Sinn-mach-Maschine”: Es kann die zusammenhanglosen Farbkleckse eines Rorschach-Testblatts zur Gestalt zweier kartenspielender Eskimos machen. Und genauso kann es aus den zufälligen Dingen, die uns in unserem Leben begegnen, und den Strukturen, die in uns angelegt sind, eine Gestalt erschaffen: ein Ich und sein Weltbild.

Gestalt ist Interpretation – und die ist grundsätzlich offen

Zwischen dem Rorschach-Test und der Idee der beiden Eskimos, zwischen der Welt und dem Weltbild steht der Akt der Interpretation. Die resultierende Gestalt ist durchaus unterschieden von den auslösenden Perzeptionen. Sie steht mit ihnen in Verbindung – aber ganz andere Interpretationen wären ebenso möglich.

Niemand kann sagen, welches die “richtige” Interpretation eines Rorschach-Tests ist. Das Gleiche gilt für Ich und Weltbild in Relation zur Welt. Trotzdem hat die Gestalt-Therapie ein Ideal: Ein Ich, dessen Kontakt nach Innen und Außen nicht blockiert, dessen Wahrnehmung lebendig, dessen Agieren authentisch und dessen Bewusstsein des zwischen Welt und Weltbild geschalteten Interpretationsprozesses wach ist. Kurz: Eine Gestalt, die im Fluss bleibt. Das anspruchsvolle Ziel der Gestalttherapie, so ihr Gründer Fritz Perls, ist “aus Papierleuten echte Leute zu machen”. Klienten sollen lernen, ins Hier und Jetzt einzutauchen.

Übungen, die den Weg ins Hier und Jetzt bahnen

Im Hier und Jetzt sein. “Offene Rechnungen” schließen: Vorgefasste Meinungen nicht an die Stelle des lebendigen Kontakts zwischen Ich, Innen und Außen treten lassen. Was uns an diesem Ideal fehlt, so die Theorie der Gestalttherapie, muss nicht in jahrelangen Couchsitzungen mühsam ausgegraben werden, sondern kommt ganz von selbst an die Oberfläche: in Form von Körpersprache, Tonfall, wiederkehrenden Situationen etc. Die Aufgabe des Therapeuten ist nicht, diese Formen zu interpretieren, sondern für den Klienten zugänglich und erlebbar zu machen.

Dabei helfen Übungen, bei denen das Erleben im Vordergrund steht: Das experimentelle Übertreiben von Körpersprache und Tonfall. Die gezielte Provokation durch den Therapeuten. Das Ausagieren imaginärer Streitgespräche mit nicht präsenten Bezugspersonen oder Aspekten der eigenen Persönlichkeit. Gerade diese als “leerer Stuhl”-Technik bekannte Methode wird auch im Coaching gern eingesetzt, weil sie eine viel unmittelbarere Auseinandersetzung ermöglicht als das distanzierte Darüber-reden.

Hier und Jetzt im Büro

Im Hier und Jetzt sein. Fluider werden. Wenn das wie ein phantastisches Rezept klingt, sich auf einen herausfordernden Arbeitsalltag einzulassen, ohne einen hinderlichen Rucksack voller vorgefasster Meinungen und nachgetragener Kränkungen mit sich herumzuschleppen: Es ist in der Tat eins. Deshalb sind Sichtweise und Methoden der Gestalttherapie auch im Coaching-Prozess so wertvoll.

Ihre Coaching Expertin in Berlin

Über die Autorin Esther Kimmel (Coach DCV)

Seit 2009 arbeite ich als Coach in Berlin und habe seither mehr als 500 Coaching­prozesse begleitet. Zu meinen Lieblingskunden zählen Unternehmen sowie Einzelpersonen aus der kommunikativen und kreativen Branche.

Sie haben weitere Fragen? Ich freue mich auf Ihre Nachricht!

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.