Mit gewaltfreier Kommunikation entspannt Konflikte lösen

Um es vorweg zu sagen: Ich finde die Bezeichnung „Gewaltfreie Kommunikation“ ein bisschen unglücklich gewählt. Bei meinen Coaching-Klienten weckt sie im ersten Moment häufig Unverständnis – indirekt scheint sie nahezulegen, dass wir einander in der „unerleuchteten“ Kommunikation normalerweise Gewalt antun, und das erscheint vielen spontan ziemlich überzogen.

Wer sich mit den Ideen des Psychologen Marshall Rosenberg, der das Konzept in den 1960er Jahren  entwickelte, auseinandersetzt, versteht schon, was gemeint ist – aber ich spreche trotzdem lieber von präsenter oder wertschätzender Kommunikation.

Was ist gewaltfreie Kommunikation?

Die GfK ist ein universell einsetzbares Kommunikationskonzept, das sich besonders bei Konflikten bewährt. Sie fördert Empathie und Vertrauen bei den Gesprächspartnern – und hat schon manche private oder berufliche Beziehung grundlegend positiv verändert.

Die GfK hilft uns zu verstehen, wie und warum Gespräche oder Konflikte aus dem Ruder laufen, und sie hilft uns, eine konstruktivere Haltung einzunehmen. Kommunikation  schlägt fehl, wenn unser Gegenüber das Gefühl hat, von uns bewertet, beschuldigt, ungerecht beurteilt oder mit Forderungen bedrängt zu werden.

Ein Musterfall der gewaltfreien Kommunikation

Beispiel: „Du lässt im Flur immer alles herumliegen – Du bist schlampig. Ein schönes Zuhause ist Dir egal. Das nervt mich total – ich verlange, dass Du hier Ordnung hältst!“

Als Alternative werden Kommunikationsstrategien vorgeschlagen, durch die der andere sich nicht in die Defensive gedrängt fühlt und mit denen es uns trotzdem gelingt, unsere Bedürfnisse ehrlich und klar zu kommunizieren. Und letztlich gemeinsam nach einer Lösung zu suchen!

Beispiel: „Mir fällt auf, dass Du in den letzten beiden Wochen deine Jacke nicht an den Haken gehangen hast bzw. die Schuhe weggestellt hast. Das frustriert mich, weil ich einfach gern einen aufgeräumten Flur sehe, wenn ich nach Hause komme. Ich wünsche mir, dass Du Deine Sachen wegräumst oder mir sagst, was wir tun können, damit der Flur einen schönen ersten Eindruck beim Eintreten in die Wohnung vermittelt .“ (Vielleicht sind ja nicht genügend Haken da … 🙂)

Die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation

Wie am Beispiel bereits illustriert, basiert die GfK auf vier Schritten: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte.

1. Beobachtung mitteilen

Nur konkrete Fakten, keine Interpretation, Bewertung oder Verallgemeinerung

Ich sehe/höre/ beobachte …

2. Gefühle ausdrücken

Welche Gefühle entstehen bei mir in dieser Situation?

bin ich …

3. Bedürfnisse erklären

Welches nicht erfüllte Bedürfnis steht hinter diesen Gefühlen? Was brauche ich?

… weil ich … brauche

4. Bitten – nicht fordern!

Was kann das Gegenüber konkret tun, sodass es mir/uns mit der Situation besser geht?

Ich bitte dich …

Diese vier Schritte ersetzen die Falltüren der nach Rosenberg „lebensentfremdenden Kommunikation“: Moralisches, verallgemeinertes Urteilen über den anderen, Vermutungen über seinen Charakter und seine Motive. Leugnen der Verantwortung für die eigenen Gefühle, Schuldzuweisungen. Fordern statt bitten.

Fehl geht aber, wer die GfK als reine „Technik, um etwas zu erreichen“ einsortiert. Ultimativ geht es darum, zu einer wertschätzenden Haltung zu finden – dem Anderen und sich selbst gegenüber!

Und diese Kommunikation soll im Alltag funktionieren?

Die vier Schritte klingen sehr simpel. Die Erfahrung zeigt aber, dass es durchaus etwas Training braucht, um die GfK-Haltung anzunehmen und nicht in die Fettnäpfchen von Bewertungen, unreflektierten Emotionen und Forderungen zu treten.

Je „eingefahrener“ man in seinen Kommunikationsmustern ist, desto „unnatürlicher“ werden einem die vier Schritte zunächst erscheinen. Aber ganz ehrlich: Einander mit Vorwürfen zu beharken und in die Ecke zu argumentieren, dort beleidigt vor sich hin zu brüten, und diesen Teufelskreis immer und immer wieder zu umzirkeln  – das ist erst recht kein natürlicher Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens. Auch wenn manche von uns sich in diesem Modus recht und schlecht eingerichtet haben…

Kurz und knapp: Aber sicher!

Wertschätzende Kommunikation funktioniert, das können Sie mir glauben! Es reicht sogar aus, wenn nur einer der Gesprächspartner*innen sie „beherrscht“ und anwendet. Die GfK gibt uns auch einen Rahmen dafür, wie wir auf „klassische“ Vorwürfe, Bewertungen und Forderungen empathisch reagieren können: Durch

  • Zurückführen der Vorwürfe des anderen auf konkrete Beobachtungen
  • Vergewissern, dass wir richtig verstanden haben
  • Spiegeln und Anerkennen seiner Gefühle
  • Vorschlagen von/Fragen nach ganz konkreten Lösungsmöglichkeiten

Gewaltfreie Kommunikation als Coaching-Thema

Fast in allen Führungskräftecoachings kommt die GfK zur Sprache, wenn es darum geht, Konflikte zu klären oder kritische Punkte bei den Mitarbeitern anzusprechen, ohne vorwurfsvoll zu klingen. Sie gibt wertvolle Impulse zur (Selbst)-Reflexion: Häufig liegt Konflikten eine (vorschnelle) Bewertung des anderen zugrunde. Mit der GfK begebe ich mich mit meinem Gesprächs- oder Konfliktpartner auf Augenhöhe, statt ihm die Schuld für Probleme zu geben.

Beispiel: Anstatt unseren Mitarbeiter z.B. als „aggressiv“ zu bewerten, können wir nun vielleicht sein Bedürfnis nach Anerkennung sehen.

Aber auch in meinen Work-Life-Balance Coachings kommt die GfK häufig zum Zuge. Hier geht es oft um eine etwas andere Baustelle: Aus Scheu vor Konflikten vermeiden Klient*innen, ihre Bedürfnisse zur Sprache zu bringen. Mit der GfK lernen sie, sich gesund abzugrenzen und ihrem Wunsch nach Harmonie etwas entgegen zu setzen – mit der GfK-Haltung steigt auch das Selbstbewusstsein.

Maß halten und lebendig bleiben

Natürlich sollte man es auch nicht übertreiben. Es geht nicht darum die vier Schritte gebetsmühlenartig in jeder brenzligen Situation durchzudeklinieren. Wenn wir das Prinzip GfK verinnerlicht haben, begegnen wir unserem Gegenüber ganz selbstverständlich zugewandt und wohlgesonnen. Es ist eher diese gelebte Haltung als das Befolgen einer streng festgelegten Gesprächsstrategie, die bewirkt, dass Kritik besser angenommen und ausgesprochen werden kann und Beziehungen als konstruktiv wahrgenommen werden.  Die vier Schritte sind dann einfach eine Stütze, mit der wir uns Empathie und klare Kommunikation antrainieren können.

Aus eigener Praxis

Ich selbst habe die GfK vor 15 Jahren kennengelernt, und mein schönstes Erfolgserlebnis ist meine erwachsene Tochter. Wie sie einen Konflikt klärt, kommt dem Ideal der GfK sehr nahe – nur dass meine Tochter vermutlich noch nie von diesem Konzept gehört, sondern einfach am eigenen Leibe erfahren hat, wie wohltuend es ist, wertschätzend miteinander Konflikte zu klären.

Vielleicht sprechen Sie manchmal auch Dinge nicht an, die Sie stören?

Ich kenne viele (darunter auch gute) Gründe, warum Menschen Konflikte nicht ansprechen. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung und der meiner Klient*innen, wie erleichternd es sein kann, seinen negativen Gefühlen Luft zu machen und trotzdem oder gerade deshalb im Sinne der GfK empathisch und konstruktiv zu b