Tipps-Perfektionismus

5 Tipps dem eigenen Perfektionismus ein Schnippchen zu schlagen

Eigentlich seltsam, dass Perfektionismus in diesem Blog bisher kaum eine Rolle gespielt hat – in der Arbeit mit meinen Klienten und auch in meinem eigenen Leben stoße ich immer wieder auf das Thema und seine zahlreichen Variationen. Wenn ich einmal ein Buch schreibe, wird es vermutlich “Handeln statt Grübeln” oder “Wege aus der Perfektionismusfalle” heißen. Stoff hätte ich für viele Kapitel – er muss nur noch in die perfekte Form gebracht werden. 🙂

Aber zur Sache: Haben Sie das Gefühl, dass Ihr strenger innerer Kritiker mehr Macht über Sie und Ihr Leben hat, als Ihnen lieb ist? In diesem Artikel geht es um das ungesunde Streben nach Perfektion und seine Ursachen, inklusive Tipps für mehr Gelassenheit.

1. Wo liegt eigentlich das Problem?

Perfektionismus passt nahtlos in unsere Zeit. Nie haben so viele Menschen so perfekt gelebt, ausgesehen und gearbeitet wie heute. Natürlich ist nach oben immer noch ein bisschen Luft – aber bei manchen sicher nicht viel. Dass wir unsere Vorstellungen von Perfektion heute in so vielen Lebensbereichen Realität werden lassen können, ist fraglos eine gute Sache. Allerdings gibt es da auch eine Schattenseite.

Bei vielen meiner Klienten sehe ich, dass ihr Perfektionsstreben sie handlungsunfähig macht. An tollen Ideen fehlt es selten. Aber anstatt nach einer gesunden Planung loszulegen, wird endlos an den Plänen gefeilt, gegrübelt und gekrittelt – manche sind geradezu davon besessen keinen Fehler machen zu wollen: Selbst mit 150 Prozent Einsatz scheint kein Ende in Sicht. Die halb verzweifelt getroffene finale Entscheidung hat der spontanen Bauchentscheidung dann selten viel voraus.

Besonders jungen Unternehmerinnen kann ihr Perfektionismus schnell um die Ohren fliegen. In der Aufbauphase müssen viele Entscheidungen getroffen werden – Inhalt und Design der Webseite, Zielgruppe des Unternehmens, Geschäftsausstattung, Mitarbeiter. Ein perfektionistischer Unternehmer will alles richtig machen, verbringt mit diesen Entscheidungen dann oft deutlich mehr Zeit als nötig und steht schon, bevor es richtig losgeht, maßlos unter Druck. Im ungünstigsten Fall ist das ein Rezept fürs Scheitern – und/oder für einen massiven Burnout.

2. Ein genauerer Blick: Was ist Perfektionismus?

Eine vage Vorstellung von Perfektionismus haben wir alle: Perfektionisten sind mit 100 Prozent nicht zufrieden, geschweige denn mit 75. Sie legen an sich, ihre Arbeit, ihre Mitmenschen und ihr Umfeld ganz besondere Maßstäbe an.

Auch Psychologen charakterisieren Perfektionismus als ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich durch besonderen Ehrgeiz, das exzessive Streben nach Höchstleistungen, nach absoluter Vollkommenheit auszeichnet. Aber sie sehen auch die andere Seite: Perfektionisten neigen oft ungeheuer zu Selbstzweifeln, leiden unter jedem Fehler fürchterlich und sind gegenüber dem Urteil anderer ganz besonders sensibel. Manche Perfektionisten sind deshalb kaum als solche zu erkennen: Vor lauter Versagensangst machen sie sich möglichst unsichtbar, scheuen Herausforderungen, verzetteln sich notorisch in unproduktiven Grübeleien – und erbringen letztlich kaum mehr als Mittelmaß. 

Aus perfektionistischen Tendenzen kann also eine produktive Gewissenhaftigkeit werden, die dem Glück nicht im Wege steht – oder eine Quelle von Stress und Ärger, oft auch von Depressionen und Ängsten.

2.1. Der funktionale Perfektionismus

Paart sich Perfektionismus zum Beispiel mit Resilienz <LINK AUF Resilienz-Artikel>, können Perfektionisten die Diskrepanz zwischen ihren hohen Erwartungen und der Realität gut aushalten. Solche Perfektionisten sind harte Arbeiter, erfolgreich durch ihren Leistungswillen und ihre Leistungsfähigkeit, und in der Regel ganz zufrieden mit ihrem Leben.

Mit einer gewissenhaften Attitüde lässt sich ein multinationaler Konzern ebenso führen wie ein Haushalt – obwohl die feinen Antennen, die Perfektionisten für das Urteil ihrer Mitmenschen haben, sie heute meist eher in eine konventionell erfolgreiche Richtung drängen.

2.2. Der dysfunktionale Perfektionismus

Perfektionismus im Paket mit innerer Unsicherheit – das ist dann eher eine unerfreuliche Kombination. Nagende Unzufriedenheit mit den eigenen, als unzulänglich wahrgenommenen Fähigkeiten, lähmende Sorge, Fehler zu machen, und Angst vor dem Urteil der Mitmenschen machen solchen Perfektionisten das Leben schwer. Auch gegenüber den Fehlern anderer und der Welt im allgemeinen nehmen Betroffene in der Regel eine unduldsame und verärgerte Haltung ein: ein Patentrezept für Niedergeschlagenheit und Probleme, nicht zuletzt auch mit den Mitmenschen.

Aber warum werden manche zu Perfektionisten, während andere (mehr, oder auch weniger) genussvoll alle Fünfe gerade sein lassen? 

3. Woher kommt Perfektionismus?

Hohe persönliche Standards sind absolut nichts Schlechtes. Seine Sache gut machen – das sollte eigentlich jeder wollen. Trotzdem misst nicht jeder seinen Wert an äußeren Leistungen, und es gibt viele Menschen, die sich Fehler, Misserfolge, sogar Versagen problemlos verzeihen können. Wie also wird man zum Perfektionisten?

3.1. Perfektionist von Geburt an

Ein hohes Bedürfnis nach Organisation und Ordnung kann tatsächlich veranlagt sein, eine Eigenschaft unseres Gehirns, die zum Beispiel mit einem besonderen Sinn für Strukturen und Zusammenhänge, oft auch mit hoher Intelligenz, einhergeht, und die uns Unordnung und Schlamperei einfach als hässlich empfinden lässt. Nicht allzu viele Menschen haben diesen angeborenen Sinn – aber einige eben schon.

3.2. Der erworbene Perfektionismus

Der häufigste Grund ist aber wohl das Elternhaus. Eltern, die besondere Leistungen von ihren Kindern erwarten, die ihre Anerkennung ganz oder teilweise von diesen Leistungen abhängig machen, deren Kritik häufig und gefürchtet, und deren Lob sparsam dosiert und ersehnt ist, erziehen ihre Kinder oft zu Perfektionisten. Wer in der Kindheit die Erfahrung gemacht hat, dass Liebe und Anerkennung mit Leistung verknüpft sind, wird auch als Erwachsener kaum glauben, dass man einfach um seiner selbst willen geliebt und gemocht werden kann.

Die extremen Ansprüche an sich selbst, die Perfektionisten zu Höchstleistungen treiben, sind oft die internalisierten Ansprüche ihrer Eltern.

3.2.1 Krankhafter Perfektionismus und Unsicherheit

Wer glaubt, dass quasi die Welt untergeht, wenn das Design der Webseite nicht hundertprozentig perfekt ist, wer sich praktisch für einen Versager hält, wenn dieser oder jener große Erfolg ausbleibt – der ist wahrscheinlich innerlich sehr unsicher. Wer unbedingt die feste Kontrolle über jeden Aspekt seines Lebens vom perfekten Job über den perfekten Körper bis zum perfekten Kind haben muss – der fühlt sich vielleicht in Wahrheit bedroht von einer als feindlich und unberechenbar wahrgenommenen Welt.

Überraschenderweise stecken gerade hinter dem Perfektionismus gar nicht selten mangelndes Selbstwertgefühl, Angst und innere Leere. Entsprechend leiden Betroffene auch häufiger an Depressionen oder Zwangsstörungen als Menschen, die ihre eigene Unvollkommenheit leichter aushalten können. Dabei ist es nicht der Perfektionismus, der den Perfektionisten in die Depression oder den Burnout treibt – sondern beide haben eine gemeinsame Wurzel in der persönlichen Geschichte.

4. Den inneren Kritiker auf Normalmaß schrumpfen: Geht das?

Wenn sie in allem, was sie tun, einfach nur perfekte Arbeit leisten und sich dann zurücklehnen und ihren Erfolg genießen würden – dann wäre ja alles gut. Aber so ticken die Overachiever unter den Perfektionisten nicht.

Alle Neune? Ein vollkommener Wurf? Der innere Kritiker, der in jedem Perfektionisten wohnt, findet immer ein Haar in der Suppe. Noch die Eins mit Sternchen macht er zur mittelmäßigen Leistung. Ist ein Ziel erreicht, ist es schon fast unerheblich: War eh nicht so wichtig, das hätte jeder geschafft, außerdem lässt das Ergebnis sowieso an allen Ecken und Enden extrem zu wünschen übrig. Sagt der innere Kritiker, und mobilisiert schon wieder alle Kräfte für die nächste Aufgabe.

Eigentlich finden Perfektionisten nur dann eine Art innere Ruhe, wenn sie mental permanent auf dem Zahnfleisch gehen – genug tun sie dann zwar immer noch nicht, aber immerhin bemühen sie sich ja offensichtlich.

TIPP 1: Glaubenssätze überdenken

Egal ob gehetzter Overachiever oder gequälter Underachiever: Das Mantra des inneren Kritikers ist “Ich bin nicht gut genug”. Das ist der Fluch, der jeden Perfektionisten verfolgt, aber auch seine/ihre innere Stütze. Denn ohne diesen Glaubenssatz müsste man ja zufrieden sein. Und diese Kunst haben gerade Perfektionisten nicht gelernt.

So kann man leben. Aber nicht gut. Wer die Bremse zieht, hat viel zu gewinnen. Sich über seine Erfolge freuen. Sich Schwächen verzeihen. Misserfolge weniger schwer nehmen. Mehr Zeit, zum Beispiel für andere Menschen. Mehr innere Ruhe. Gesünder sein. Und vielleicht am Ende sogar mehr erreichen…

TIPP 2: Mut zu Fehlern

Aber den inneren Kritiker bringt man nicht eben mal rasch zum Schweigen. Das ist auch schon wieder fast ein Vollzeitjob – für den Sie als Perfektionist wie geschaffen sind. 🙂 Kontrolle abgeben, Ansprüche und Maßstäbe normalisieren, gelassener und effizienter werden: Wie kann man das lernen? 

Als “genesender” Perfektionist brauchen Sie vor allem eins: Mut zur Unvollkommenheit. 

TIPP 3: Entscheidungen trainieren 

Geben Sie sich eine der Tragweite der Entscheidung angemessene Entscheidungsfrist. Fünf Minuten für den Kinofilm. Zehn Tage für das Jobangebot. Und erinnern Sie sich: Es gibt keine richtige Entscheidung! Üben Sie auch mal spontanes, unüberlegtes Handeln. (Einfach tun, was ihnen in dem Kopf kommt, ist für Perfektionisten fast unmöglich.) Zwingen Sie sich im Kleinen dazu, und genießen Sie Ihre Spontanität. Trainieren Sie auch das spontane “Nein”: Lassen Sie sich nicht zu viel Arbeit aufladen!

TIPP 4: Fertig werden

Werden Sie fertig, und seien Sie dann wirklich fertig. Kein Nachbessern mehr, kein Wenn-und-Aber-Gegrübel. Verlassen Sie Ihre dysfunktionale Komfort-Zone (“ich muss unbedingt alles noch einmal durchsehen”), um eine echte Komfort-Zone zu erreichen. Will sagen: Geben Sie die Kontrolle ab. Und schauen Sie, ob die Folgen tatsächlich so welterschütternd sind.

Perfektionisten verbringen unsinnig viel Zeit damit, ihrer Arbeit die letzten fünf Prozent Perfektion abzuringen. Diese fünf Prozent kümmern häufig niemanden – und gehen auf Kosten Ihrer Arbeitseffizienz, Ihres Schlafes, Ihrer Gesundheit. Identifizieren Sie die Aufgaben, die nicht ganz so wichtig sind – und orientieren Sie sich hier auf 80, 90 Prozent.

TIPP 5: Wertungsfrei bleiben

Verbringen Sie Zeit nicht mit Arbeit. Treiben Sie Sport – das ist ohnehin fast ein Allheilmittel.
Ganz wichtig: Lassen Sie die Menschen in Ihrem Leben an sich heran. Perfektionisten sind typischerweise auf sich zentrierte Einzelkämpfer. Andere kommen in ihrer Weltsicht in erster Linie im Zusammenhang mit der Angst vor, ihren Erwartungen nicht zu genügen, von ihnen negativ beurteilt zu werden. 

Haben Sie sich schon mal gefragt, was die anderen eigentlich wirklich so umtreibt? Perfektionisten sind auch beim Urteilen über ihr Umfeld meist schnell und streng. Lassen Sie Ihr Urteil stecken und ersetzen es durch wertungsfreies Interesse an Kollegen und Freunden.

Wer andere toleriert und schätzt, wird auch über sich selbst freundlicher denken – und hat infolgedessen eine entspanntere, positivere Ausstrahlung. Vielleicht klappt es mit der verbissen angestrebten Beförderung gerade dann, wenn Sie zu einer neuen Gelassenheit gefunden haben… Das meint jedenfalls Simone Janson, Autorin des empfehlenswerten Buches “Die 110%-Lüge”. Ausgesprochen lesenswert ist auch der Perfektionismus-Ratgeber von Christine Altstötter-Gleich. 

Die nachhaltigsten Impulse für Veränderungen erwachsen allerdings aus dem persönlichen Gespräch. Sie wünschen sich ein Coaching zum Thema? Ich bin für Sie da!

Lesen Sie auch:

Esther Kimmel Führungskräfte Coach

Als zertifizierter Coach mit 25 Jahren Berufserfahrung berate ich seit 12 Jahren Menschen in verantwortungsvollen Positionen. Mit über 750 erfolgreich abgeschlossenen Coachingprozessen bin ich Expertin für alle Fragen rund um die Themen Führung, Karriere und Resilienz.

#analytisch #pragmatisch #empathisch

Ich habe mich entschieden auf meiner Website zu siezen, auf Wunsch können wir uns aber auch gerne duzen.

You have Successfully Subscribed!